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Zum Tod von Georg Leber

Am 21. August 2012 starb im Alter von 91 Jahren Bundesminister a.D., Dr. h.c. Georg Leber im Seniorenzentrum "Insula" in Bischofswiesen. Georg Leber kam am 7. Oktober 1920
in Obertiefenbach bei Limburg an der Lahn als Sohn eines Maurers zur Welt.

Nach einer kaufmännischen Lehre absolvierte auch noch eine Maurerlehre. Von 1939 - 1945 nahm er als Luftwaffensoldat am Zweiten Weltkrieg teil, in dessen Verlauf er 1945 verwundet wurde. Durch ein katholisch-gläubiges und gewerkschaftsnahes Elternhaus geprägt, trat Leber 1947 in die IG Bau-Steine-Erden und 1951 in die SPD ein. Von 1957 bis 1966 war er Bundesvorsitzender der IG Bau Steine Erden.
Seine Gewerkschaft verzichtete früh auf Sozialisierungsforderungen und,
begründete mit den Arbeitgebern ein System von Sozialkassen und entwickelte das
Projekt zur "Vermögensbildung in Arbeitnehmerhand". 1957 wurde Georg Leber in
den Bundestag gewählt und vier Jahre später wurde er in den Fraktions- und
Parteivorstand der SPD berufen. Dort wirkte Leber als einer der Architekten der
Großen Koalition, in der er1966 unter Kanzler Kiesinger das Amt des
Verkehrsministers bekleidete. In dieser Funktion entwickelte er ein Konzept zum
Ausbau des Bundesfernstraßennetzes, den "Leber-Plan". In der sozialliberalen
Koalition unter Willy Brandt führte er dieses Amt, erweitert um die
Zuständigkeiten für das Post- und Fernmeldewesen, zunächst weiter und übernahm
dann als Nachfolger von Helmut Schmidt am 10. Juli 1972 das Bundesministerium
der Verteidigung. In dieser Stellung genoss er besonders aufgrund seines
menschlichen Umgangs mit den Angehörigen der Bundeswehr bald hohes Ansehen, das
ihm den Namen "Soldatenvater" einbrachte. In seiner Amtszeit wurde die
Ausbildung der Offiziere neu organisiert. Zur Regelausbildung gehörte fortan ein
Universitätsstudium. 1973 wurden die Universitäten der Bundeswehr in Hamburg und
München gegründet. Zwei Jahre später konnten auch die ersten fünf Frauen zu
Sanitätsoffizieren der Bundeswehr ernannt werden. Georg Leber trat am 1. Februar
1978 vom Amt des Ministers zurück und übernahm damit die politische
Verantwortung für einen unrechtmäßigen Lauschmitteleinsatz des Militärischen
Abschirmdienstes. 3 Jahrzehnte wirkte Georg Leber auch im Präsidium des
Zentralkomitee der Deutschen Katholiken. Von 1979 bis 1983 versah Leber noch das
Amt des Bundestagsvizepräsidenten, bevor er sich aus der aktiven Politik in sein
Haus in Schönau am Königssee zurückzog. Für seine politischen Verdienste wurde
Georg Leber u.a. mit dem Bundesverdienstkreuz mit Stern und Schulterband sowie
dem Großkreuz zum Bundesverdienstorden und dem Bayerischen Verdienstorden
ausgezeichnet. Er ist Ehrendoktor der Universität Tübingen sowie Ehrenbürger von
Obertiefenbach und Ehrenbürger von Schwalbach am Taunus. Seine Frau Erna. Maria,
die er 1943 heiratete, starb 1984. Aus dieser Ehe stammte sein Sohn Manfred.
Seine zweite Frau Katja und sein Sohn Manfred starben 2011.


Sozialdemokrat- Gewerkschafter- Katholik
Georg Leber war ein Mensch
mit einem festen Wertegerüst und klaren politischen Vorstellungen, ein Macher
und dennoch auch ein Mann des Ausgleichs - ein Versöhner: - Durch seine
Einflussnahme kamen 1959 entscheidende Passagen zum Menschenbild der SPD in das
"Godesberger Programm", die diese Partei für viele gläubige Christen erst
wählbar machten. Er hat die Sozialdemokratie mit den katholischen und
evangelischen Christen in Deutschland versöhnt. - Wo auch immer dieser Mann
politische Verantwortung übernahm, entwickelte er aus Visionen politische
Konzepte, und setzte diese mit eiserner Energie und Zielstrebigkeit um - sei es
bei der Standortsuche der SPD gegenüber den Kirchen, sei es als Gewerkschafter
bei der Entwicklung von Vermögensbildungsmodellen in Arbeitnehmerhand, sei es
als Verkehrsminister beim Ausbau der Bundesautobahnen oder als
Verteidigungsminister bei der Neuorganisation der Offiziersausbildung, der
Öffnung der Soldatenlaufbahn für Frauen oder der technischen Modernisierung der
Streitkräfte.

Ein Promi zum anfassen
Georg Leber kennzeichnet vor
allem auch seine Bescheidenheit: - Im Ruhestand war er als Schönauer Bürger ein
Promi zum anfassen. Er suchte die Nähe zu den Menschen: Er kam zu den
monatlichen Treffs seines Schönauer Ortsvereins, war Gast bei öffentlichen
Gelöbnissen, übernahm die Schirmherrschaft von Wohltätigkeitsveranstaltungen-
kurzum, er war Bürger unter Bürgern. - Seine politischen Verdienste wirkten auch
noch im Ruhestand nach: politische Prominenz aus dem In- und Ausland war bei ihm
zu Gast. Von seinen Nachfolgern als Verteidigungsminister haben ihn alle
besucht, unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit, zuletzt noch Peter Struck.
Sein politischer Rat wurde weiterhin geschätzt und begründete auch seinen
fortwährenden politischen Einfluss. Er machte kein Aufhebens davon - mit einer
Ausnahme: mit dem ganzen Gewicht seiner Möglichkeiten hielt er mit Erfolg
schützend seine Hand über die Bundeswehrstandorte Bad Reichenhall und
Bischofswiesen - Strub.

Ein bewegtes Leben
Er war ein guter Erzähler
und er hatte aus seinem bewegten Leben auch viel zu berichten: Unerfreuliches,
wie die politischen Querelen innerhalb der eigene Partei oder im politischen
Bonn, Nachdenkliches, wie seine Erlebnisse als Soldat und menschlich
Berührendes, wie z.B. Geschichten um das Problem der Vereinbarkeit seines
politischen Wirkens mit seinem tiefen katholischen Glauben. Nie werde ich die
Geschichte vergessen, welchen Gewissenskonflikten in den Nachkriegsjahren seine
Mutter ausgesetzt war, der von ihrem Beichtvater im Limburger Dom Vorhaltungen
wegen des politischen Wirkens ihres Sohnes gemacht wurden. Sie fand ihren
inneren Frieden erst wieder, als sie 1969 vor Beginn der sozialliberalen
Koalition ihren Sohn, den damaligen Verkehrsminister, zusammen mit Herbert
Wehner zu einer Audienz beim Papst begleiten durfte. Dort trug Georg Leber dem
Heiligen Vater die für die Regierungserklärung Willy Brandts von ihm entworfenen
Passagen zur Zusammenarbeit mit den Kirchen vor. Zum Ende der Audienz ließ sich
der Papst von seiner Mutter segnen. Georg Leber hat sich als Mensch und durch
sein politisches Wirken über alle Parteigrenzen hinweg Anerkennung erworben. Er
hat sich um sein Vaterland verdient gemacht!

Klaus Gerlach